Holzfestigkeit Beispiel Essay

Kann man ohne Glauben leben? Das wohl nicht. Jeder Mensch braucht ihn, um dem Leben einen Sinn zu geben, auch wenn es den gar nicht gibt. Womöglich besteht der Sinn des Lebens nur in der beständigen Suche nach ihm; so wie die Geschichte keine Ursachen enthüllt, sondern nur eine bloße Folge unerklärter Ereignisse zeigt, denen die Menschen im Nachhinein einen Sinn geben. Der Glaube aber gehört offenbar genauso zum Menschen wie sein Verstand. Beide unterscheiden ihn vom Tier.

Wer den Glauben nun mit Religion gleichsetzt, der sei an Karl Marx erinnert. In seiner "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" schrieb Marx: "Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes." Nicht immer muss Religion mit Gott zu tun haben. Raymond Aron bezeichnete den Kommunismus treffend "als Opium für Intellektuelle" und attestierte diesen "die Sucht nach der Weltanschauung". Vielleicht hat gerade diese Schrift Golo Mann dazu bewogen, Arthur Koestler als das "geistige Oberhaupt der Ex-Kommunisten" zu bezeichnen. Die Menschheit jedenfalls wäre besser dran gewesen, hätte sie vor allem Kant geglaubt. Er schrieb, dass "aus dem krummen Holz der Menschheit noch niemals ein gerades Ding gemacht wurde". "Und auch nicht gemacht werden sollte", fügte Isaiah Berlin noch hinzu. Doch zurück zum Anfang: Braucht der Mensch die Religion?

Diese Frage wird immer dann in eine Aussage verwandelt, wenn Neonazis in einem der tristen Nester Brandenburgs den einzigen Ausländer überfallen, der freiwillig durch die Öde streift. Gottlos seien die neuen Bundesländer, vernimmt man dann als Begründung, der Jugend fehle die Religion. Stimmt das? Jedenfalls ragen die zahllosen Gotteshäuser mächtig, schön und verlassen wie Burgruinen aus dem märkischen Sand. Böte die Kirche den sittlichen Rahmen, der in den Dörfern fehlt?

Von der Warte des Historikers aus betrachtet ist dem nicht so. Wer durch die Jahrtausende streift, wer auf die Kreuzzüge im Mittelalter schaut, der Blutspur der Inquisition und des Judenhasses folgt, wer die Prozessakten Galileis studiert, der kirchlichen Attacken gegen Darwin und Sigmund Freud gedenkt, der wird die These schwer aufrechterhalten können, das Christentum habe einen erhebenden Einfluss auf die Moral gehabt. Solange die Kirche konnte, bekämpfte sie die Abschaffung der Sklaverei, die Veränderungen der wirtschaftlichen Verhältnisse hin zu einer gerechteren Gesellschaft. In den Worten Bertrand Russells: "Wenn man sich auf der Welt umsieht, so muss man feststellen, dass jedes bisschen Fortschritt im humanen Empfinden, jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zur Verminderung der Kriege, jeder Schritt zur besseren Behandlung der farbigen Rassen oder jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde durchweg von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurde."

Russell, der Mathematiker, Philosoph und leidenschaftliche Skeptiker, hielt seine Gedanken in seinem Essay "Warum ich kein Christ bin" aus dem Jahr 1927 fest. Einige Deutsche werden sich daran noch erinnern. Sein Buch wurde Anfang der Sechzigerjahre ins Deutsche übertragen und ein Bestseller. Darin vergleicht Russell die christliche Sittenlehre mit der ihrer Konkurrenten und kommt zu dem Ergebnis, das Christentum unterscheide sich von anderen Religionen durch seine größere Bereitschaft zur Verfolgung. Auch stellte sich Russell die Frage, ob Jesus sympathisch war, um nach einigen Zitaten aus dem Neuen Testament Sokrates als den angenehmeren Geist zu preisen. Sokrates hätte seine Zuhörer nicht als "Schlangen- und Natterngezücht" beschimpft, nur weil sie seine Reden kritisierten.

Russell ist kein Atheist. Er lässt offen, ob es Gott gibt. Freilich glaubt er, ein allmächtiger, allgütiger Gott hätte die Welt anders gemacht. Selbst wenn sie allmählich besser werde, so hätte er sie ebensowohl gleich von Anfang an gut machen können. Auch wird die Welt, so Russell, gar nicht besser. Evolution habe nichts mit Wert zu tun. Zudem finde die Evolution, die der Darwinisten wie die der Hegelianer und Marxisten, nur auf der Erde statt, die in der Unendlichkeit des Weltalls ein Planet von geringer Bedeutung sei. Folgt man dem Agnostiker, lehren die Tatsachen der Astronomie, dass das, was auf Erden geschieht, keinerlei religiöse und kosmische Bedeutung hat.

Russell hielt wenig von den traditionellen Religionen, weil er die Macht der Kirchen und Sekten über ihre Mitglieder verabscheute, so wie er jeder Macht mit tiefem Misstrauen begegnete und jedem Dogma seinen Wahrheits- und Freiheitssinn entgegenstellte. Russell stellt fest: "Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut; sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden." Ferner benötige sie einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft ohne Endzeiterwartungen und eine freie Intelligenz. "Sie braucht Zukunftshoffnung, kein ständiges Zurückblicken auf eine tote Vergangenheit, von der wir überzeugt sind, dass sie von der Zukunft, die unsere Intelligenz schaffen kann, bei weitem übertroffen wird."

Hat Russell recht? So, wie er es formuliert, sicherlich. Doch er lässt außer Acht, dass es viele Menschen gibt, die es trotz aller Vernunft nicht dabei belassen mögen, ihr Dasein als Sandkorn am Ufer des Geschehens zu fristen. Sie fühlen und fürchten sich wie Blaise Pascal. Der schrieb in seiner Schrift "Der Mensch und sein Glaube": "Wenn ich die kurze Dauer meines Lebens bedenke, zwischen der vorhergehenden und der folgenden Ewigkeit, die kleine Strecke, welche die meine ist, wenn ich die ungeheueren, unendlichen Räume sehe, die ich nicht kenne, und die mich nicht kennen, so erschrecke ich und staune, dass ich hier bin und nicht dort, denn es ist kein Grund, warum ich nicht anderswo sein sollte anstatt hier, nicht zu anderer Zeit leben sollte anstatt jetzt. Wer hat mich hierher gestellt?"

"Niemand" würde Russell einwerfen, "Gott" Pascal entgegnen. Beide Überzeugungen sind nicht miteinander vereinbar. Wer recht hat, ist nicht zu ermitteln. Daraus folgt, jegliche Neigung zum Rigorismus zu vermeiden. Wer also meint, der Mensch brauche die Religion, der irrt. Wer aber sagt, manche Menschen brauchen sie, der mag richtigliegen.



Liebe Jenny Schon,

ja, Du warst wirklich die schönste Maoistin, die ich je gesehen habe.
Hoffentlich hast Du Dir den Schwung erhalten.

Herzliche Grüße

Michael Krüger
Hanser Verlag

München 15.12.2008






Jenny Schon

Böhmen nicht am Meer

Eine Spurensuche bis heute

Edition Odertor/Gerhard-Hess-Verlag
Bad Schussenried
ISBN 978-3-87336-483-7
ca. 500 Seiten
mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen
24,90 Euro



Seit Shakespeares Zeiten soll Böhmen am Meer liegen. Ingeborg Bachmann hat das Bild übernommen ebenso wie Franz Fühmann.
Jenny Schon geht den Spuren nach, z.B. das tschechische Begrüßungswort "ahoj" könnte noch so eine Spur sein, in Adersbach
findet sie an der Seite von Goethe versteinerte Wellen. Auch die Venediger/Walen haben Spuren ihrer Seerepublik
hinterlassen. Alles in allem sind die Geschichten von Jenny Schon aber eher Kinder der Moderne, des letzten Jahrhunderts.
Sie stellt wenig bekannte und doch große Persönlichkeiten vor, vor allem Künstler, Schriftsteller, Dichter, wie Josef
Mühlberger, Fritz Rieger, Franz Metzner, Igo Etrich, Theodor Fontane, aber auch kaum bekannte Frauen wie Eleonore Prochaska,
Gertie Faltis, Evelyn Faltis und Bo�ena in dreifacher Gestalt. Also Menschen, die mit Böhmen zu tun haben.
Es gibt auch Geschichten von der Traumatisierung jener Menschen, die 1945 fluchtartig ihre Heimat verlassen mussten.
Es ist ein facettenreiches Buch.
Als Schmankerl sozusagen hat Jenny Schon die Geschichte eines Berliner Schülers in den Band aufgenommen, Horst Schulze,
von der großmütterlichen Seite auch böhmischstämmig, wie er die Kinderlandverschickung von Berlin nach Böhmen im zweiten
Weltkrieg erlebt hat. Nach dem Krieg müssen diese Kinder - allein auf sich gestellt - quer durch das ins drohende Chaos
sinkende Deutschland wieder nach Berlin zurückfinden. Jenny Schon hat das Buch ihrer kürzlich verstorbenen Mutter Anni Schon geb. Schwantner aus Trautenau -
einer entfernten Verwandten des Bildhauers Emil Schwantner, der in dem Band zu seinem 125. Geburtstag
ausführlich gewürdigt wird - und von Krieg bedrohten Müttern und Kindern gewidmet.





"Liebe Jenny,
zwar ist dein Buch längst noch nicht ausgelesen...Trotzdem möchte ich Dir schon jetzt sagen,
wie gern ich diesem "Böhmen nicht am Meer" Spuren suchend folge! Voller erstaunlicher, auch
berührender Information, voller Präsenz in der Schilderung, in der Auswahl, über deren Fülle im
Detail man immer wieder staunt. Kannst du ein Kompliment darin entdecken, wenn ich sage: ich greife danach,
wenn ich erschöpft oder im Hirn etwas lustlos bin, um mich in der Lektüre zu erfrischen? Es ist ein Kompliment.
Deine Schreibweise so ganz in der oft privaten Nähe den Reichtum an fernen Fakten zu schildern ist sehr anregend!"

Ingeborg G., Lyrikerin, Berlin.


"�Die Heimatsucherin hatte ihren beharrlichen Weg in das Land ihrer Mutter Anni Schwantner und deren
Eltern mit der Suche nach einem sagenhaften Schatz, dem Gold des Hopfenberges bei Trautenau, begonnen.
Sie hat nach vielen Anläufen einen anderen, unermeßlichen Schatz an Erkenntnissen und Erfahrungen,
an Begegnungen mit aufgeschlossenen Menschen gefunden.
Wer in die Welt von "Böhmen nicht am Meer", dieses großartige Spektrum vielfältiger Funde erforschter,
erzählter und bedichteter Geschichts- und Lebensspuren im Brennspiegel Böhmens, eintaucht, wird reich beschenkt."

Helga Unger, Rezension Sudetendeutsche Zeitung 4.11.2016.


Jenny Schon
Erinnerungskultur
Vor 66 Jahren


In diesen Frühjahrstagen kommt sie wieder - die Erinnerung an das Ende des Krieges 1945. Sechsundsechzig Jahre ist es her. Am 27. April 1945 befreiten sowjetische Truppen das Zuchthaus in der Stadt Brandenburg, das zu diesem Zeitpunkt mit ca. 3600 Häftlingen belegt war. Aus den Todeszellen konnten rund 180 Häftlinge befreit werden. Dieser Befreiung wurde am 28.April feierlich gedacht.
In der Zeit des Nationalsozialismus waren im Zuchthaus Brandenburg neben Kriminellen vor allem politische Häftlinge, die langjährige oder lebenslängliche Zuchthausstrafen verbüßten, zum Tode Verurteilte, Sicherungsverwahrte, Untersuchungsgefangene und Kriegsgefangene inhaftiert. In der 1940 eingerichteten Hinrichtungsstätte wurden durch die NS-Justiz rund 2.040 Menschen hingerichtet, unter ihnen Angehörige des Widerstandes aus vielen europäischen Ländern.
In den deutschen Landen sind an vielen Orten Gedenkstätten für die Opfer der Nazi-Gräuel, aber auch gegen die kommunistische Terrorherrschaft entstanden, ein eindrucksvolles Beispiel ist der Marienberg in der Stadt Brandenburg. Neben Gedenktafeln verschiedener Nationen wurde im letzten Herbst zum Volkstrauertag für die 157 Tschechen, die im Zuchthaus Brandenburg während der Herrschaft der Nationalsozialisten hingerichtet wurden, auch eine Tafel in deutscher und tschechischer Sprache aufgestellt. Der tschechische Botschafter Rudolf Jindrák war anwesend. Während der Zeremonie wurden die 157 Namen verlesen.

In diesen Tagen wird auch an das Ende des 2. Weltkrieges gedacht.
Die Menschen in Europa konnten endlich wieder frei atmen. Für die von den Nazis geschundenen Menschen war der Terror vorbei. Für die Deutschen, besonders für die Frauen, Kinder und Alten in den Ostgebieten, im Sudetenland, begann der Terror. Millionen wurden in die Flucht gejagt, vertrieben, von den Siegern erschlagen.
Die Tschechen hatten nicht umsonst in Anlehnung an die Praktiken der Nazis den Deutschen die Armbinden mit dem N * drauf aufgezwungen unter Strafandrohungen und Schlägen, wer sie nicht umbinden wollte. Das weiß heute keiner in Deutschland, 3 Millionen nach dem 8. Mai 1945 im heutigen Tschechien und der Slowakei sind mit weißen Armbinden herumgelaufen und da spricht man seit 1985 dank Weizsäcker davon, dass der 8. Mai eine Befreiung war!
Es müßte zumindest heißen, nicht für alle!
Mein alter, durch einen Unfall bei der tschechoslowakischen Bahn humpelnder Opa wurde verschleppt und mißhandelt mehrere Jahre im tschechischen KZ bis 1948, andere Deutsche, wie die Familie einer Bekannten sind ins Tschechische verschleppt worden, mußten bei tschechischen Bauern Zwangsarbeit leisten. Sie war 6, sie ging in die 1. Klasse, mußte aber die Schule aussetzen, als sie im Tschechischen war beim Bauern. Andere, auch Schüler, mussten Zwangsarbeit leisten im Bergwerk oder anderswo. Diese Menschen haben nie Entschädigung bekommen.
In Tschechien steht kein nationales Denkmal für die ermordeten Deutschen. Dass die Juden systematisch ermordet wurden in den Gaskammern durch die Nazis, ist für die Nachfahren der Deutschen eine historische Schuld, die auch nicht durch das Holocaust-Denkmal getilgt werden kann. Das ist den nachfolgenden Generationen im Bewusstsein.
Es sollte aber auch im Bewusstsein der Tschechen und der Slowaken sein, dass schon vor den Benesch-Dekreten, die ja erst kürzlich noch mal vom Prager Parlament bestätigt worden sind, ihre Vorfahren nach dem 8. Mai 1945 an unschuldigen Deutschen, Alten, Frauen und Kindern Unrecht und Massaker verübt haben, bei denen Abertausende umgekommen sind.

Zumindest die Kinder der Vertriebenen leben noch. Sie sind es, die die Bilder im Kopf haben ein Leben lang und die sie nie nicht klären können, das zeigt sehr anschaulich in allen Facetten der tschechisch-deutsche Film "Habermann", der Pflicht im tschechisch-deutschen Unterricht werden sollte.
Für diese Opfer fehlen die Gedenkstätten. In den betreffenden Ländern beginnt jetzt erst die Aufarbeitung und Trauerarbeit.


Nachtrag:

Um so mehr ist der Initiative der St. Nikolaikirche in Brandenburg zu danken, aller Opfer ungerechter Gewalt zu gedenken.
Die bedeutende mittelalterliche noch im romanischen Stil erbaute Backsteinkirche in Brandenburg, die nach der Wende wieder aufgebaut wurde, dient nicht nur der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde sondern ist auch eine Gebets- und Gedenkstätte. Sie ruft einmal im Monat zum ökumenischen Friedensgebet.

Auf einer Gedenktafel wird der "Opfer ungerechter Gewalt" gedacht:
Christen, Kommunisten, Juden, Intellektuelle, Debile, Andersdenkende, Priester, Ausländer, Homosexuelle, Soldaten, Beamte, Lehrer, Arbeiter, Sinti, Roma, Unbeteiligte, Kinder

verhört, angeschrien, verspottet, gefoltert, vergast, eingesperrt, abgespritzt, erschlagen, erhängt, zu Tode gequält, enthauptet, erschossen, erwürgt, verhungert, verbrannt

schreiend, verzweifelt, ehrlos, umnachtet, mutig, haßerfüllt,
ahnungslos, jammervoll, hoffend, unschuldig, ergeben,
schweigend, ungebrochen, tröstend, betend

damals, gestern, heute, morgen, immer
immer?

Wachet und betet! (Mk. 14,38)


Zwei Wörter fehlen allerdings in der Aufzählung auf der Tafel für die
"Opfer ungerechter Gewalt":

verjagt und vertrieben�.


* N - nemec - Deutscher
(so geschieht Verdrängung, meine Mutter ist überzeugt, es war ein D für deutsch, aber sie wußte natürlich, was N heißt, andere Deutsche wissen das nicht - die Tschechen haben schon seit den 20iger Jahren das Tschechische erzwungen als Amtssprache, meine Mutter hatte es in der Schule gelernt.






Jenny Schon
Kunst ist schön - macht aber viel Arbeit
Emil Schwantner zum 120. Geburtstag
(27.8.1890-18.12.1956)



Dieser herrliche Spruch von Karl Valentin kann noch ergänzt werden "und bringt meist nicht viel Reichtum!" Jedenfalls war es bei Emil Schwantner der Fall. Er stammte aus armen Verhältnissen, die Schwantner-Vorfahren waren allesamt Bauern im oberen Aupatal. Der Name hat sich auch in regionalen Flurnamen erhalten als Schwantnergraben, Schwantnerwald� Nie reichte es für alle Kinder, sie mussten in andere Berufe, ins Bergwerk.
Der Schriftsteller Josef Mühlberger charakterisiert Emil Schwantner, als er ihn in den 20iger Jahren in Trautenau kennenlernt: " Er sah aus wie ein Gebirgsbaudner, unscheinbar, derb, er legte aufs Äußere keinen Wert, war innerlich stets mit einer Arbeit beschäftigt."
Diese innere Beschäftigung hatte bereits vorher ein Meister der Porzellanfabrik Pohl in Schatzlar entdeckt, wo Schwantner in die Lehre ging. Er bekam die Möglichkeit, sich auf der Fachschule für Keramik in Teplitz-Schönau weiter auszubilden, er erhielt ein Stipendium für die Prager Kunstakademie, wo noch tschechische und deutsche Studenten und Dozenten gemeinsam arbeiten. Ein Foto zeigt ihn neben dem Bildhauer Jan �tursa, ein weiterer Lehrer, Václav Myslbek, ist der Schöpfer des Reiterdenkmals auf dem Prager Wenzelplatz.
Nach dem Studium holt Franz Metzner ihn nach Berlin und Leipzig, er schreibt: "Sehr geehrter Herr Schwantner! Ich habe Ihren Brief erhalten, bin bereit Sie als Schüler in meinem Atelier aufzunehmen, da Sie aber nicht mit Glücksgütern gesegnet sind so bekommen Sie schon von Anfang an 30 Kronen pro Woche. Sind Sie talentiert und kommen rasch vorwärts so bekommen Sie bald mehr. Sie haben Gelegenheit wie Stein, Holz ectr zu arbeiten, und die Materialien in denen der Bildhauer von Anfang an denken lernen muß, kennen zu lernen. Ob ist momentan gerade ein Platz frei in meinem Atelier, da sich verschiedene Herren darum bewerben so kann ich nur bis 1. März warten. Ich muß Sie deshalb bitten bis dahin in Berlin zu sein. Hochachtungsvoll Franz Metzner."
Während Metzners Arbeiten am Völkerschlacht-Denkmal in Leipzig und anderen Großprojekten in Berlin, Prag und Wien einträglich sind, so dass er ein großes Haus mit Atelier in Zehlendorf bei Berlin bauen kann, zieht der junge Schwantner nach seiner Beschäftigung bei Metzner nach Wien und von dort in den Krieg und kommt nicht nur verletzt, sondern noch ärmer zurück.
Wenngleich auch er in den 2ogern Jahren mithilfe seines Vaters in Trautenau ein Haus mit Atelier baut, so ist doch sein nachgelassener Schriftverkehr voller Bitten um Unterstützung sowohl bei der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst in Prag als auch bei den regionalen Honoratioren.
Die Weltwirtschaftskrise erschwert seine Lage noch zusätzlich. Daß er dennoch ein großes OUevre hinterlassen hat und es zum größten Teil auch den 2. Weltkrieg und die Vertreibung überstanden hat, grenzt an ein Wunder.
Am 13.10.1949 berichtet Schwantner aus Salzelmen/Schönebeck von seinen existentiellen Nöten an Freunde in der Bundesrepublik Deutschland: "...Ich bin seit dem 1. August 1949 .... selbständig. Ich habe jedoch keine Aufträge. Schon den 3ten Monat noch gar nichts umgesetzt. So lebe ich von meinen Ersparnissen, und muß mich aufs äußerste einschränken. Habe schon einige neue Modelle modelliert und in Gips gegossen. Jetzt mache ich das Abendläuten noch einmal. Es ist mir noch viel besser gelungen, als das was ich in Trautenau zurückgelassen habe. So bin ich voller Sorgen und Kümmernissen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, wo mich mein Können nicht ernähren will."
Weder hier wie dort war er geneigt aus Auftrags- oder ähnlichen Gründen irgendeiner Partei beizutreten. In der Folge sollten seine prämierten Werke in der DDR nicht realisiert werden. Das sind eine Büste Wilhelm Piecks und das Denkmal für die Opfer des Faschismus in Schönebeck, das statt seiner von dem Künstler Richard Horn ausgeführt wird.
Für Emil Schwantner bedeuten diese Absagen bittere Not. Lediglich Landsleute, die nach Westdeutschland vertrieben wurden, bitten um Repliken von in ihrer Heimat zurückgelassenen Kunstwerken, so daß Schwantner in den zehn Jahren in Sachsen-Anhalt kaum namhafte Werke schaffen kann, zumal die Materialnot an Bronze und Marmor ein Modellieren lediglich in Ton und Holz zulassen.
Auch die beiden einzigen fotografisch dokumentierten Werke Emil Schwantners in den Zeiten der DDR sind mit patiniertem Gips hergestellt worden: Die Büste Johann Wolfgang Goethes, für die Provinzialregierung in Magdeburg (verschollen), und die Büste Robert Kochs für die Poliklinik in Premnitz/Westhavelland.
Am 18.12.1956 stirbt der akademische Bildhauer Emil Schwantner verarmt in Schönebeck/Elbe. Seine 1951 in Salzelmen geehelichte Gattin
Anna geb. Renger aus Freiheit war bei ihm. Ich konnte sie noch nach der Wende kennenlernen. Da sie bei einer Schneeverwehung verletzt und taub geworden war, war die Verständigung mit ihr schwierig. Aber ihre Augen sprachen� sie starb am 28.6.2001. Beide liegen gemeinsam auf dem Friedhof in Schönebeck.

In den Museen in Hohenelbe, Trautenau und der Städtischen Galerie Trautenau sind ca. hundert Werke von Schwantner vorhanden, vornehmlich Büsten von Trautenauer Bürgern, Gebirgsbauern und Tiere; Bären, Wildkatzen und Stiere waren seine favorisierten Modelle, die er im Breslauer Zoo skizziert hatte. Seine Tierplastiken fanden seinerzeit weltweit Käufer. Er wurde auch der böhmische Gaul genannt.

Leider werden seine Werke nur gelegentlich ausgestellt. Nach Mitteilung aus dem Büro des Bürgermeisters Ivan Adamec plant Trautenau die nächste größere Ausstellung 2015/16 zum 125. Geburtstag/ 60. Todestag von Emil Schwantner.
Wer mehr über Emil Schwantner wissen möchte:
In der Würzburger Heimatstube gibt es den Bildband von Erwin Schön zum 90. Geburtstag von Schwantner;
von mir in der Galerie Trutnov ein Katalog von 1996 zum 40. Todestag und in der Zeitschrift Friedhof und Denkmal, Sepulkralmuseum Kassel einen umfangreichen Aufsatz über Schwantners Bildwerke im "Öffentlichen Raum Ostböhmens" vom Dezember 2008.






Jenny Schon
Nachruf für Uwe Müller
Chefredakteur und Mitbegründeter der Prager Zeitung


Mit tiefer Trauer und großem Dank verabschiede ich mich von Uwe Müller, dem Chefredakteur der Prager Zeitung, die er nach der Samtenen Revolution 1991 mitbegründete und für die ich seit 1993 als freie Mitarbeiterin arbeite.
Mein erster Artikel hieß: "Der Glaube hilft, wo die Liebe weint - Herbstliche Betrachtungen aus Böhmen" (41/1993). Ich hatte über die zerstörten Gräber in Trautenau und dem Riesengebirgsvorland meine eigene Vergangenheit und das Werk eines Onkels, des Trautenauer Bildhauers Emil Schwantner, wiederentdeckt, was mir unbekannt war, weil ich im Kinderwagen vertrieben, es vorzog als Erwachsene lieber in die Wüste Gobi oder an den Gelben Fluß zu fahren.
Uwe Müller - als wenn auch fernem Mentor - verdanke ich, dass ich wieder Mut fasste, journalistisch zu schreiben, überhaupt zu schreiben, weil er die leisen Töne hörte, die zwischen den Zeilen von meiner Trauer erzählten, dass ein fast siebenjähriges Unrechtsregime in Böhmen weiteres Unrecht zur Folge hatte und die Nachgeborenen für immer zu trennen versuchte. Nein, Uwe Müller, wir haben uns dem nicht gebeugt, wir haben dagegen angeschrieben...
Als ich ihm nach Dresden mailte, dass ich gerne bereit bin, weil er so sehr abgenommen hatte, ihm von meinem persönlichen Überfluß an Pfunden einige zu schenken, bedankte er sich voller Hoffnung, er habe selber wieder Pfunde zugelegt, die 60 Kilo-Marke sei in Kürze erreicht.
"Der Glaube hilft", Uwe Müller, Ihr Werk wird in guten Händen sein.











Veröffentlicht im Stifter-Jahrbuch 14/2000, München.
Wiederveröffentlicht zum 100. Jahrestag des Fluges von Karl Illner,
dem am 17. Mai 1910 der erste österreichische Überlandflug der 45 km
langen Strecke von Wiener Neustadt nach Wien in nur 32 Minuten gelang.


Jenny Schon
Schallendes Gelächter im Aupatal

Igo Etrich zum Gedenken


Als sich vor 100 Jahren im Riesengebirge Igo Etrich in die Lüfte erhob, ahnte er schon, dass dem Himmel nahe sein auch mit dem Tod zu tun hat. In seinem Bekenntnis und geistigen Vermächtnis, das er im Eigenverlag 1964 in Salzburg herausgab, beschwört er die Unsterblichkeit, die Reinkarnation. Das bedeutete für ihn jedoch nicht, übermütig zu sein. Dank seiner früh empfundenen ganzheitlichen Auffassung vom Leben ist ihm das Schicksal Otto Lilienthals erspart geblieben.

Im Jahre 1910 erhielt Igo Etrich einen Brief aus Amerika mit der Adresse Aviatiker in Europa.
Der Brief kam ohne große Probleme in Oberaltstadt (Horní Staré M?sto) bei Trautenau (Trutnov) an, wo die Familie Etrich mehrere Spinnereien betrieb.

Igo Etrich ist der Erfinder der Etrich-Taube und war zur damaligen Zeit in Fliegerkreisen weltberühmt. Er wurde am 25.12.1879 in Oberaltstadt/Riesengebirge geboren. Schon der Vater Ignaz Etrich (1839 - 1927) war Erfinder. Er hatte Pläne für Flachsspinnereien entworfen, obwohl er nur die Unterrealschule in Trautenau besucht hatte. Über die rege Tätigkeit der böhmischen Tuchmacher hatte bereits 1866 Theodor Fontane, der märkische Dichter berichtet: "Trautenau, eine Meile von der preußischen Grenze entfernt, gilt neben Reichenberg als die bedeutendste Fabrikstadt Böhmens. Es ist Mittelpunkt und Hauptmarkt für die Flachsspinnerei in ganz Österreich und der Reichtum einzelner Firmen, wie die Betriebsamkeit seiner Bevölkerung geben ihm ein geordnetes und lachendes Ansehn. Es hat den Charakter einer aufblühenden englischen Fabrikstadt."

1896 hatte Ignaz Etrich, der sich für alle technischen Probleme interessierte, von dem Todessturz Otto Lilienthals erfahren. Zwei Jahre später sandte er seinen achtzehnjährigen Sohn Ignaz, der sich später zur Unterscheidung vom Vater Igo nannte, nach Berlin. Anna Lillienthal erinnert sich: " Er kam nach Berlin, um studienhalber ein Lilienthal-Gleitflugzeug zu erwerben, womöglich das, mit dem Otto gestürzt war. Wir mussten ihm leider mitteilen, dass der in der Fabrik Köpenickerstraße 113 aufgehängte, allerdings schwerverletzte Unglücksvogel eines Tages dort wegen Platzmangel verbrannt worden war. Dem lebhaften Österreicher war dies unbegreiflich. Er rannte aufgeregt im Zimmer herum. " Jeden Fetzen hätten wir Ihnen mit Gold aufgewogen" rief er uns zu. - Es gelang ihm bei einem Patentanwalt in Berlin noch einen Lilienthal-Gleitflieger aufzutreiben, den er für 100 Mark erhielt. Igo Etrich schenkte ihn später dem Wiener Technischen Museum, in welchem er neben der Etrich-Taube hängt.

So begann die Fliegerei im Riesengebirge. Kaum war das Flugzeug in Oberaltstadt, begann Ignaz Etrich selbst einen Gleitflieger zu entwickeln, den er auf ein Fahrrad montierte. Als Pilot fungierte der junge Igo. Das war vor 100 Jahren. Der Gleitflieger wurde von einer Schräge im Garten der Etrich-Villa gestartet.

Die ungünstige aerodynamische Form der Flügel ließ den Sohn ein ähnliches Schicksal wie Lilienthal befürchten, weshalb er sich weigerte, weitere Flugversuche zu starten. Er begann die einschlägige Literatur zu studieren, beobachtete natürliche Vorbilder wie fliegende Hunde (Fledermäuse), die er in einem Gewächshaus lebend hielt. Dann fiel sein Augenmerk auf die Forschungen des Professors Ahlborn aus Hamburg, der den Schwebeflug der Zanonia macrocarpa, einer javanischen Palmenart, untersucht hatte. Diese von der Natur geschaffenen Gleitflieger dienten nun als Vorbild. Die Etrich-Modelle bekamen bis zu sechs Metern Spannweite, hatten 25 kg Sandbelastung an Bord und wurden als Drachen bei Wind gestartet.

Die Bemühungen Igo Etrichs und seines Mitarbeiters Franz Wels erweckten in der Nachbarschaft Heiterkeit. " Den Naturgesetzen zuwiderhandeln!" spotteten die Einheimischen. Doch Etrich ließ sich nicht beirren, er konstruierte einen Gleitflieger, der einen Menschen tragen würde. Tatsächlich gelang Franz Wels der Flug von einem Hügel bei Neuhof. Unter Anwesenheit einer großen Zuschauermenge wurden die Gleitflüge am 6. Oktober 1906 wiederholt. Es waren die ersten in Österreich.

Nunmehr interessierte Igo Etrich, den schrägen Gleitflug in einen horizontalen zu verwandeln.
Dazu bedurfte es eines leichten Motors. Doch die Auffassung, dass ein Fluggerät, das schwerer ist als die Luft, keine Zukunft habe, behinderte seine Arbeit. Er benötigte nicht nur brauchbare Motoren, sondern auch Propeller. In der Gegend von Trautenau sah er keine Möglichkeiten, diese Probleme zu lösen. Er verlagerte sein Arbeitsfeld nach Wien, wo ihm vom österreichischen Handelsministerium ein geeigneter Raum im ehemaligen Ausstellungsgebäude " Rotunde" im Prater zur Verfügung gestellt wurde. 1909 errichtete Igo Etrich einen Hangar auf dem Steinfeld der Gemeinde Wiener Neustadt, wo ihm nach dem Einbau eines 40-PS-Clerget-Motors am 20. Juli 1909 die ersten Hupfer von einigen 100 Metern gelangen. Er ist auch der Erfinder der Knüppelsteuerung mit Volant, die in den späteren Verkehrsflugzeugen eingebaut wurde.

Mittlerweile hatte Igo Etrich als Werkmeister den sehr befähigten Karl Illner gewonnen. Beiden gelang es, das Steinfeld mehrmals in geringer Höhe zu überfliegen. Dennoch war Etrich mit dem alten Gleitflieger unzufrieden. Er entwarf einen neuen Eindecker, dessen Flügelenden nach wie vor dem Zanoniasamen ähnelten. Die Spannweite betrug zwölf Meter. Die Maschine war mit einem taubenschwanzförmigen Höhensteuer versehen. Aus Paris besorgte er sich einen neuen 4-Zylinder-Clerget-Motor von 40 PS und von Chauviere einen neuen Holzpropeller. Da der Apparat nunmehr einem Vogel in Gleitflugstellung glich, bekam er im Volksmund den Namen Etrich-Taube.

Karl Illner gelang am 17. Mai 1910 der erste österreichische Überlandflug der 45 km langen Strecke von Wiener Neustadt nach Wien in nur 32 Minuten. Der Rückflug am gleichen Tag dauerte 30 Minuten. Er schreibt: " Es war ein wunderbares Gefühl für mich, endlich einmal frei dahinfliegen zu können, ohne Bedacht darauf über dem Flugfeld bleiben zu müssen. Und alles ging so prächtig. Kein Wind regte sich, der Motor arbeitete rhythmisch, die leiseste Bewegung der Steuerung teilte sich dem Apparate mit wie eine Zügelbewegung bei einem wohldressierten Pferde."

In der Folge entstanden mehrere Tauben-Varianten mit größeren, nunmehr Daimler-Motoren, die Flügel wurden schmaler und der Volksmund tauft den Apparat "Möwe". 1912 kam die "Schwalbe" hinzu, die viel schneller fliegt als die Möwe. Obwohl die Etrich-Flugzeuge viele Preise gewannen, blieben die großen Aufträge aus. Vater Etrich riet aus kaufmännischer Sicht ab, dass Igo Etrich eine eigene Flugzeugfabrik baute. So ging die Lizenz zur Herstellung der später auch kaufmännisch erfolgreichen Etrich-Flugzeuge und die "Motor-Luftfahrzeuggesellschaft" nach Wien. In Deutschland übernahm Edmund Rumpler die Lizenz, der in Berlin-Lichtenberg eine Werkstatt für Schweißarbeiten besaß. Den für Rumpler gelieferten Prototyp flog Karl Illner außer Konkurrenz im Oktober 1910 auf der internationalen Flugwoche in Johannisthal bei Berlin - in Anwesenheit des Kronprinzenpaares.

Auf Betreiben des Kapitäns zur See a.D. Eduard von Pustau war der Johannisthaler Flugplatz gegründet und 1909 die erste internationale Johannisthaler Flugwoche gestartet worden. In Deutschland wurde die Etrich-Taube zur Rumpler-Taube.

1911 war für Igo Etrich die vierjährige Beurlaubung von der Leitung der väterlichen Textilindustrie abgelaufen. Aber Igo Etrich konnte von der Fliegerei nicht mehr lassen. Er entwickelte 1912 ein Flugzeug, das als Vorbild für künftige Verkehrsmaschinen dienen sollte, ein Flugzeug, in dem die Insassen in einem geschlossenen Raum saßen: die erste Flug-Limousine der Welt.

Nachdem der Lizenzvertrag mit Rumpler annulliert worden war, gründete Etrich in Liebau/Schlesien, 20 km von Trautenau entfernt, seine eigene Flugfabrik, um neben seiner Tätigkeit in der Textilindustrie auch den Bau seiner Flugzeuge in Deutschland überwachen zu können. Für die Mitarbeit gewann er den jungen Ingenieur Ernst Heinkel, dem er 1912 die technische Leitung seiner in Briest bei Brandenburg/Havel gegründeten "Brandenburgischen Flugzeugwerke" übergab. Hier wurden überwiegend militärische Flugapparate hergestellt, auch Wasserflugzeuge nach den Plänen von Heinkel. Dieser Sektor interessierte Etrich wenig.

Obwohl während des Ersten Weltkrieges die Produktion in Brandenburg boomte, verkaufte Etrich seine Anteile an Camillo Castiglioni, den Leiter der Wiener Luftfahrzeuggesellschaft, die die Etrich-Trauben in Lizenz baute. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Firma Etrich aufgrund von Inflation und Enteignung in Rußland große Teile ihres Vermögens. Etrich zog sich aus der Fliegerei zurück und leitete nur noch die Flachsspinnereien im Kreis Trautenau, nachdem der Bruder 1920 und der Vater 1927 gestorben waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor er auch diese Fabriken. Über Niederbayern kam er nach Salzburg, wo er am 4. Februar 1967 im Alter von 88 Jahren starb.

Mitunter hat man den Eindruck, das es in der damaligen Textil- und Flugindustrie wenig gab, was Igo Etrich nicht erfunden hat oder woran er beteiligt war, so Bastfasermaschinen von Weltrang und Schnellstrecken für die Jute- und Wollindustrie. Henry Ford erwähnte, dass er das Wergsystem von Etrich nachgebaut habe.

Der Tod Lilienthals am Anfang von Igo Etrichs technischer Karriere hat ihn stets der Sicherheit den Vorrang geben lassen. Kein einziger Todessturz aus der Luft ist mit Etrich-Tauben erfolgt. Mit Bedauern stellte er fest, "dass die heutige Technik des Flugzeugbaues die einstmals von der Natur übernommenen Sicherheitsvorrichtungen immer mehr und mehr aufgibt zugunsten des unaufhaltsamen Strebens nach immer größeren Geschwindigkeiten zur Überbrückung von Raum und Zeit".

Neben vielen Ehrungen und Preisen, die seine Arbeit auszeichneten, erhielt er auch vom Deutschen Erfinderverband die Dieselmedaille in Gold verliehen. Die Etrich-Taube ist in Fürstenwalde bei Berlin nachgebaut worden. Knapp 90 Jahre nach ihrem ersten Berlin-Flug hatte sie auf der ILA in Berlin-Schönefeld ihren erneuten Jungfernflug bestanden. - "Was wir Sterben nennen, ist eine Geburt zu neuem Leben", diese Erkenntnis des italienischen Philosophen Giordano Bruno war der Lieblingssatz von Igo Etrich.






Veröffentlicht in: Prager Zeitung, 24.07.2008













Veröffentlicht in der Prager Zeitung, 11. September 2008

Jenny Schon
Gedanken zum 13. August

Ich bin ein Kind des 13. Augusts. Ich lebte in Brühl bei Köln und hatte über den Jugendfreund Günter Verheugen, mit dem ich Kindergottesdiensthelferin in der lutherischen Kirche war, Kontakt zu den Jungdemokraten in der Ägide von Erich Mende.
Als Diasporakind schon darin eingeübt, einer mitunter angefeindeten Minderheit anzugehören, freute es natürlich, daß die kleine FDP im Wahlkampf einen guten Stimmenfang machte.
Um 9 Uhr des 13.8.1961 hörte ich wie jeden Sonntag vor dem Gottesdienst noch die Nachrichten. In Berlin wird die Mauer gebaut.
Das saß wie ein Keulenschlag. Wir hatten monatelang über Berlin diskutiert, aber so was. Wie kann man nur in einer fast Viermillionenstadt eine Mauer bauen.
Einige Wochen später fuhren wir nach Westberlin. An der Bernauer Straße gesellte ich mich zu den Protestierenden. Es wurden Molotowcocktails geschmissen. Ich nahm eine in die Hand. Nein, das würde ich nicht bringen, Gewalt.
Ein bildhübscher Westberliner Jungdemokrat lud mich zum Segeln am Wannsee ein. Dort wohnten sehr reiche Leute. Westberlin gefiel mir sehr.
Ich versprach wieder zu kommen.
Weil in Westberlin nun die (jungen) Arbeitskräfte fehlten, verpflichtete ich mich für ein Jahr, in Berlin zu arbeiten, ich hatte ja bereits ausgelernt.
Als Entschädigung versprach man mir zwei Heimflüge und für die ersten drei Monate Überbrückungsgeld. In Köln hatte ich eine gut dotierte Stelle aufgegeben, in der ich Aufstiegschancen hatte.
Am 30.12.1961 stand ich mit dem Köfferchen, das ich heute noch habe, gerade neunzehn Jahre alt geworden, am stinkenden Bahnhof Zoo und suchte ein Zimmer. Zu dem schönen Jungdemokraten hatte ich schon lange keinen Kontakt mehr, heute würde das unter One-Night-Stand fallen. Später erfuhr ich, daß viele der reichen Familie nach Westdeutschland, weil ihnen Westberlin zu unsicher wurde, umgesiedelt sind.
Über den Kölner Stadtanzeiger hatte ich Briefkontakt zu einem jungen Wilmersdorfer Ehepaar. Er studierte Jura, sie arbeitete als Diätassistentin, ein Baby, Britta, war vorhanden. Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Wilmersdorf, wo ich auch noch heute lebe, was meine Mutter später veranlasste zu sagen, nu, um in ein Dorf zu ziehen, hätteste auch hierbleiben können!
Durch das Ehepaar hatte ich ersten Kontakt und in der Nähe ein stinkendes Berliner Zimmer bei Frau Katzfuß, die eher eine Frau Kratzfuß war. Neben Babysitten für die beiden, fuhr ich auch in den Osten, denn in meiner gut erlernten lutherischen Diasporamentalität und entsprechender Hilfsbereitschaft konnte ich es nicht übers Herz bringen,&xnbsp;nein zu sagen, als sie mich baten, ihrer Familie, die ihm Osten lebte, West-Produkte zu bringen. Wir können doch nicht rüber, aber du hast einen westdeutschen Paß.
Ich fuhr also. Westliche Sahne in der Tüte und Markenprodukte, für deren Besorgen ich manchen Umweg machen mußte und die ich mir selber nicht leisten konnte, die Familie aber hatte ein Konto in Westberlin, weil der Vater vor dem Mauerbau im Westen bei der Bank arbeitete.
Also ich einmal aus Hunger und Gier am Samstagabend aus der bereits zusammengestellten Tüte eine ganze Tafel Schokolade auffraß und ich nicht in der Lage war, die gleiche Marke am Sonntag am Bahnhof Zoo zu besorgen, also eine andere West-Marke anschleppte, mußte ich mir anhören, wieso ich nicht auftragsgemäß �ihre� nun schon gewohnte, gute Westschokolade besorgt hätte. Sie mögen nun mal die anderen Sorten nicht.
Ich blöde Kuh, für ein Stückchen Ostkuchen mit der mitgebrachten Sahne, das ich zum mitgebrachten Westkaffee bekam, machte ich fast zwei Jahre lang, bis die Westberliner auch wieder rüber durften, diesen Tort. Statt sonntags mit meinem Liebsten segeln zu gehn, fuhr ich also durch den nach Reinigungsmitteln und Mief stinkenden Osten via Tränenpalast dorthin, um in Tüten den Westkram heranzuschleppen. Ich muß noch dazu sagen, ich hatte gar keinen Liebsten, denn ich arbeitete tagsüber in einer Buchhandlung am Ku-damm, ging aufs Abendgymnasium von 18-22 Uhr und lernte am Wochenende Vokabeln, selbst während der langen Wartezeiten am Grenzübergang. Manchmal sogar in den beiden Studentenlokalen Eierschale oder Riverboot, wo meine Freundin unbedingt tanzen wollte - ich deklinierte hic haec hoc.

Und jetzt befinden sogenannte Direktoren von sogenannten Museen für DDR-Alltagskultur in Gremien über meine Westberliner Geschichten, von denen sie keine Ahnung haben.
Ich bin deshalb das Ostgejammere und Besserwisserische satt. Sie jammern nur, finden den Verlust ihrer sozialen Nähe, im Westen sagen wir dazu Schnüffelei, schrecklich und den Kapitalismus ebenso.
Daß sie geil nach unseren Produkten waren, vergessen sie bei ihrem Gejammere.
Und noch was: Wir haben im Westen gelernt, ganz besonders in Westberlin in der Nähe der absolutistischen sozialistischen Weltproletariatsrepublik, daß wir -jeder Bürger/in- die Möglichkeit haben, mit Bürgerinitiativen dem Kapitalismus und anderem Einhalt zu gebieten - davon machen wir Gebrauch, mehrmals im Jahr!
Das, jetzt möchte ich auch mal so missionarisch sein wie viele Ossis, Ihnen im Osten Europas ins Ohr. Von nüscht kommt nüscht!
Ich habe das geschrieben, weil ich es für dringend notwendig erachte, daß auch wir Westberliner/innen, die wir all die Jahre ausgeharrt haben, ein Sprachrohr und ein Denkmal verdient haben!

Jenny Schon
Magistra Artium
(durch Abendstudium erlangt, ich habe 35 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt, falls jemand auf die Idee kommt, ich hätte nichts anderes zu tun als Bürgerbegehren zu unterstützen!)







Auszug aus: Stifter Jahrbuch 2005, München

Jenny Schon
Seine Spuren werden gesichert

Dem Trautenauer Bildhauer Emil Schwantner (1890 - 1956) zum 50. Todestag


Das Bezirksmuseum Trautenau/Trutnov hatte bereits 1988 kurz vor dem hundertsten Geburtstag des akademischen Bildhauers Emil Schwantner gedacht. Es zeigte Werke des Künstlers, die sich in Sammlungen im Riesengebirgsvorland erhalten haben, einige stammten auch aus Privatbesitz. Damals ein mutiger Schritt.
Seither haben sich die Ereignisse überschlagen. Die politische Geographie ist in Europa eine andere geworden. Aus der ehemaligen CSSR sind zwei Staaten geworden, die in die EU integriert sind. Weltoffenheit ist auch in dem entfernten Riesengebirge zu spüren. Die Hinweistafeln an interessanten kulturellen Objekten der Gegend, die unter staatlichen Schutz gestellt sind, sind viersprachig: tschechisch, deutsch, englisch, polnisch. Auch die öffentlich zugänglichen Skulpturen von Emil Schwantner sind geschützt.
Leider konnte dieser Schutz 1993 nicht die Zerstörung des bedeutendsten bronzenen Sepulkralkunstwerk Schwantners verhindern, das Grabmal des 1925 verstorbenen sozialdemokratischen Parlamentariers Wilhelm Kiesewetter, das 1929 auf dem Trautenauer Friedhof aufgestellt worden war. Alle politischen Widrigkeiten des 20. Jhd. hatte das Werk überstanden, nicht aber die Geldgier, die seine Zerstörer trieb, das Metall des Werkes auf dem Schwarzmarkt zu verhökern.
1993 waren im Trautenauer Museum innerhalb der Ausstellung "Deutsche Künstler Trautenau 1918-1945" auch die zerfledderten Bronzereste dieses Bildwerks zu sehen.
Auf dem Denkmal waren - ähnlich Auguste Rodins "Bürger von Calais" - 10 Bürger und Bürgerinnen, einfache Menschen der Trautenauer Gegend in ihrer Trauer für den Verstorbenen dargestellt, nebst einem Waisenkind namens Nagel. Auf der Grabstätte ist jetzt lediglich eine von einem tschechischen Künstler geschaffene Büste Kiesewetters zu sehen. Aber nicht nur dieses Desiderats gilt es zu gedenken, in der Gegend sind zum Glück noch viele Werke Schwantners erhalten oder werden wieder nach seinen Vorgaben errichtet.
Neben dem Trautenauer Museum besitzt die Städtische Galerie ebenfalls Bildwerke des Künstlers. Auch in der Gemeinde Schatzlar/�aclér, zu der der Geburtsort des Künstlers Königshan/Královec gehört, sind im Heimatmuseum, in dem die Persönlichkeiten der Stadt geehrt werden, Schwantners Werke zu sehen. Und im Riesengebirgsmuseum in Hohenelbe/Vrchlabí sind seit den 20er Jahren Werke Schwantners ausgestellt.
Trautenau sowie Hohenelbe besitzen eine Reihe plastisch großartig durchgearbeiteter Charakterköpfe, die Schwantner von einheimischen Menschen schuf.
Schwantner hatte zwischen 1909 und 1912 bei Myslbek und �trusa an der Prager Kunstakademie studiert. Welche Schwierigkeiten er bei der Aufnahmeprüfung hatte, beschreibt Emil Schwantner so:
"Wir hatten einen älteren Männerkopf zu machen, und es gelang mir, diesen in einem einzigen Vormittag fix und fertig zu machen. Trotzdem stimmte das gesamte Professorenkollegium bis auf die Stimme des Professor Myslbek gegen meine Aufnahme, denn es fehlte mir ein Jahr Mittelschule. Aber Professor Myslbek wußte sich zu helfen; er rief den österreichischen Kultusminister in Wien an und legte den Fall vor. Dieser sagte: Herr Professor pfeifen Sie auf die akademischen Vorschriften und nehmen Sie den Schwantner."
(Emil Schwantners Lebenslauf, Riesengebirgs-Jahrbuch 1967, S. 115)







Veröffentlicht in: Prager Zeitung 33/2006

Jenny Schon
Schlechtes Gewissen
Gedanken beim Gang durch die beiden Ausstellungen in Berlin
"Flucht, Vertreibung, Integration" - Historisches Museum - Pei-Bau
und
"Erzwungene Wege" - Zentrum gegen Vertreibungen, Kronprinzenpalais



Als Achtundsechzigerin und Maoistin, die in Westberlin die Mauerzeiten überdauerte, war ich am Chinesischen Meer eher als an der Ostsee, habe die Wüste Gobi gesehen, bevor mir klar wurde, daß sich im südlichen Brandenburg auch eine Wüste entwickelt, habe -wenn auch nur vom Flugzeug aus- auf den ewigen Schnee im Himalaya geschaut, lange Zeit vor meiner Besteigung der Schneekoppe.
Als ich all das gesund überstanden hatte, klopften mir Freunde auf die Schulter: "Mutig, Mädel!"
Das ist dreißig Jahre her.

Eines Tages zitterten Bilder über meinen Bildschirm, die taumelnde Menschen zeigten, in den Lehm stürzend, Händchen von Kindern waren zu sehen, die versuchten, die Alten zu stützen, eins nach dem anderen durch die Staubhügel Bosnien ziehend�da begann ich eine Geschichte zu suchen, in der ich vorkam.
Die Bilder begannen mich aufzufressen. Ein Film rotierte in meinem Hirn, ein Kind, eine Mutter, Staubwege, Waschküche, Kind und Mutter, fliehend auf der Stelle. In einer Therapie fand ich Linderung.
Das ist gut 10 Jahre her.

Immer wieder meine Mutter, die vor mir flüchtete. Ich tapste ihr hinterher. Geh in dein Bettchen, rief sie, ich versteck mich, die Russen kommen. Dir tun sie nichts, du bist ein Kind.
Sie lag auf dem Dach der Waschküche. Geh in dein Bettchen, hauchte sie.
Meine Mama ist auf dem Klo, beteuerte ich mit meinen drei Jahren, als sie tatsächlich kamen. Das Plumpsklo ist im Hof, sie stürmten die Treppen hinab. Sie konnten meine Mutter nicht sehen, so flach lag sie. Sie überlebte.
Einige Zeit später wurden wir von Tschechen außer Landes gehetzt, weil wir Deutsche waren.
Das ist einundsechzig Jahre her.

Erst seit ein paar Jahren erzähle ich davon. Ich hoffte auf den schützenden Mantel Europas.
Vergiß die Ursache nicht, du bist die Ursache, du bist ein Täterkind, dein Vater war Wehrmachtsoldat, sagen meine linken Genossen von früher. Du kannst dich nicht mit den Kindern der Vertriebenen gleichsetzen, den Bosniern, den Ponto-Griechen, die aus der Türkei rausgeschmissen, den Armeniern, die ermordet wurden, sagen meine grünen Verbündeten, mit denen ich für saubere Luft und gegen Atomkraftwerke gekämpft habe.

Die vielen Menschen bei der Ausstellungseröffnung im Kronprinzenpalais hinterlassen schlechte Luft. In die geöffneten Fenster dringt Jahrmarktsmusik. Die Ausstellungsmacher sind jung und nüchtern. Bloß keine Emotionen. Alles in Weiß gepackt. Erinnerungsstücke werden zurückgedrängt in Vitrinen. Weiß prescht hervor. Unschuldige Farbe der Kindheit - wie ein Kinderbettchen.
Ich höre der Leiterin des Tschechischen Zentrums beim Interview zu:
Irgendwie fehlt was, sagt sie, es ist alles da, nur eines fehlt: Die Ursache.
Ich habe mich auf die Toilette geschlichen.



Zur Diskussion Flüchtlings-/Vertreibungskinder 1945/2015
siehe

"Die Satisfaktion begann viel früher..."

kuhlewampe.net

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